Jüngst im Oktober 2025 stieg der Silberkurs über 50 US-Dollar je Feinunze. Bereits 1980 und dann erneut 2011 stand Silber bei dieser Marke. Damals kam es jeweils im Anschluss zu einem längeren Kursrückgang. Daher fragen sich manche Anleger, ob wieder ein solcher Rückgang droht. Zur Beantwortung dieser Frage wollen wir uns zuerst die damalige Situation genauer ansehen.
Doch dabei stellt sich die nächste Frage: Wo lagen damals überhaupt die Höchstkurse? Denn für 1980 ist das nämlich alles andere als klar. Das hat jetzt auch wieder für Diskussionen gesorgt. Gehen wir den Fragen anhand von Datenbanken und Zeitzeugen nach und sehen wir uns die Verhältnisse bei den früheren Silberhochs genauer an.
Der Verlauf des Silber-Futures am Hoch im Jahre 1980
Betrachten wir zuerst die Kurse am Terminmarkt in den USA, also am Markt für bald zu lieferndes Silber. Hier stehen wir vor dem ersten Problem. Am 18.1.1980 erreichte der nahe Kontrakt am Terminmarkt der Comex ein Hoch von 50,36 US-Dollar je Feinunze. An der Konkurrenzbörse CBOT soll das Hoch am darauffolgenden Montag, den 21.1.1980, sogar 52,50 US-Dollar je Feinunze betragen haben. Das berichtete damals die Zeitung „New York Times“ und es wurde jetzt in einem Artikel des Finanzdienstleisters Bloomberg aufgegriffen.
Doch die Börse existiert mittlerweile nicht mehr. Die Kurse liegen bei gängigen Datenanbietern nicht vor. Im Internet konnte ich keinen Chart finden. Dann erinnerte mich an einen Datenanbieter, den es längst nicht mehr gibt. So suchte ich in meinen Archiven – und wurde fündig! Wir können daher nun den Kursverlauf am Terminmarkt der CBOT mit täglichen Kursen und dem echten Hoch von 1980 ansehen:
Silber am Hoch 1980, in US-Dollar je Feinunze, CBOT-Januar-Kontrakt, 1979 bis 28.1.1980
Der Chart zeigt, wie sich der Kurs binnen anderthalb Monaten fast verdreifachte, und auch der echte Höchstkurs am 21.1.1980 ist ersichtlich. Das war ein spektakulärer Anstieg ohnegleichen! Der Rückgang danach erfolgte aber ebenfalls schnell.
Der Höchstkurs am Spotmarkt lag 1980 noch höher: bei 54,50 US-Dollar je Feinunze!
Doch wo lag der Höchstkurs am Spotmarkt in London, also für sofort zu liefernde Ware? Auch diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Mir liegen Intrayday-Kurse (Tick oder minütlich) für Edelmetalle bis 1983 (Futures) beziehungsweise 1986 (Spot) vor, und selbst diese waren nur extrem schwer zu bekommen. Die zuständige Handelsorganisation „London Bullion Market Association“ hat die Intraday- oder Höchstkurse von 1980 ebenfalls nicht. Vielleicht liegen die Kurse noch bei Handelshäusern in den Archiven vor – aber wer sieht da schon nach?
Über John Bollinger – dem Erfinder der Bollinger-Bänder, der Linien, die sich in Charts elegant um den Kurs herum schwingen – kam ich in Kontakt mit Eddie Tofpik. Er arbeitete in den 1980er-Jahren bei einem der großen Edelmetallhändler damals in London, Mocatta & Goldsmid. Tofpik erinnert sich an ein Gespräch mit einem der Silberhändler, dem mittlerweile verstorbenen Mike Jennings. Demzufolge lag der Höchstkurs 1980 bei 54,50 US-Dollar je Feinunze Silber! Der Umsatz des Geschäfts war 200.000 Unzen (zwei „Lakhs“). Dieser Kurs ist höher als bisher öffentlich bekannt war.
Die Brüder Hunt trieben den Silberpreis
Es war damals ein sehr hektischer, hochvolatiler Markt, was diese Kursspitze ermöglichte. Diese Hektik wurde durch die Brüder Nelson Bunker Hunt und William Herbert Hunt verursacht. Sie hatten zusammen mit arabischen Partnern mehrere hundert Millionen Unzen Silber gekauft. Damit trieben sie den Preis hoch. Andere Anleger schlossen sich mit ihren Käufen schnell an.
Doch sie machten die Rechnung ohne die US-Behörden. Diese erhöhten die Margin, der Sicherheits-Einsatz, am Terminmarkt auf 50 Prozent. Die Kurse kollabierten im Anschluss. Die kurze, aber sehr exzessive Hausse war vorüber. Es lagen also sowohl beim Anstieg als auch beim Rückgang einmalige Umstände vor. Bei ihnen handelte es sich im weitesten Sinne um Kursmanipulationen. Die Silberspekulation der Hunt-Brüder schrieb Geschichte.
Das Silberhoch vom April 2011
Kommen wir zum nächsten Silberhoch, das sich erst im Jahr 2011 ereignete. Die Datenlage ist dank besserer Computerisierung erheblich besser als für 1980. Am 28.4.2011 wurde intraday ein Höchstpreis von 49,47 US-Dollar je Feinunze am Spotmarkt bezahlt. Der Anstieg zu diesem Hoch hatte mit vier Monaten für die Kursverdoppelung erheblich länger gedauert als 1980. Doch was nach dem Hoch kam, ist besonders bemerkenswert.
Der Chart zeigt dazu den Intraday-Verlauf des Spot-Silberkurses von Mittwoch, den 27.4, bis Sonntag, den 1.5.2011 um das damalige Hoch. Den Kursen innerhalb des Tages liegt die New Yorker-Zeit zugrunde. Daher ist der Freitag verkürzt, und erste Kurse gibt es bereits am Sonntagnachmittag, wenn in Australien Montagfrüh der Handel beginnt, an der US-Ostküste aber noch Sonntag ist. In der Mitte ist das Silber-Kurshoch 2011 ersichtlich.
Silber am Hoch 2011, in US-Dollar je Feinunze, 27.4. bis 1.5.2011
Doch was sehen wir rechts im Chart? Der Kurs brach am Montag früh kurz nach der Eröffnung der Märkte in Australien extrem scharf ein. Binnen nur zwölf Minuten verlor der Kurs 12 Prozent – Minuten wohlgemerkt, nicht Stunden oder Tage, wie bei Korrekturen üblich. Am parallel stattfindenden Terminmarkt vervielfachte sich in diesen zwölf Minuten das Handelsvolumen. Das Ganze fand seltsamerweise im frühen australischen Handel statt, wenn das Handelsvolumen noch sehr gering ist. Wer war so ungeschickt, große Mengen an Silber in den dünnen Markt hinein zu verkaufen – oder gab es einen anderen Grund für den Abverkauf?
Kurs-Manipulateure drückten 2011 den Silberpreis.
Tatsächlich handelte es sich bei dem extrem schnellen Rückgang nicht um ein normales Kursverhalten. Die Verkäufe erfolgten gezielt im dünnen Handel am Terminmarkt, um den Kurs zu drücken. So ergibt die Vorgehensweise Sinn: Der Kurs wird mit relativ geringen Mitteln gedrückt, die Anleger werden damit aus dem Markt getrieben, und die Positionen werden dann später mit Gewinn eingedeckt. Was viele Marktbeobachter nicht wissen oder wahrhaben wollen: Kursmanipulationen am Edelmetallmarkt sind kein Mythos. Vielmehr gibt es Gerichtsurteile mit Haftstrafen aufgrund von Kursmanipulationen, und die beteiligten Handelshäuser mussten hohe Millionensummen an Vergleichen zahlen.
Der extrem scharfe Einbruch zwei Handelstage nach Hoch war das Ergebnis einer solchen Manipulation. Ich habe ein statistisches Verfahren entwickelt, um diese Manipulationen aufzuzeigen. Dieses Verfahren kam auch in dem Gutachten vor Gericht zur Preismanipulation am Edelmetallmarkt zum Einsatz. Es zeigt klar, dass es nach dem 1.5.2011 Kursmanipulationen am Silbermarkt gab, als der Preis fiel, aber nicht in den Monaten davor, als der Preis anstieg. In meinem Buch Geheime Goldpolitik (FinanzBuch Verlag) habe ich ausführlich darüber geschrieben.
Silber steht erneut am Allzeithoch
Kommen wir zur Gegenwart. 2025 hat sich der Kurs von Silber sehr gut entwickelt. Im Oktober überbot er die Marke von 50 US-Dollar je Feinunze. Am 16.10 2025 erreichte er in der Spitze ein Hoch von 54,41 US-Dollar je Feinunze. Damit lag er immer noch leicht unter dem Höchststand von 1980! Der Anstieg seit einem Zwischen-Tief im April betrug 90 Prozent. Dann kam es zu einer Kurskorrektur.
Silber in US-Dollar je Feinunze, 1/2024 bis 21.10.2025
Korrekturen in Hausse-Märkten sind ganz normal. Sie bereinigen Übertreibungsphasen. Die Edelmetalle waren ab Anfang September stark gestiegen. In den Medien traten gehäuft Artikel über Gold oder Silber auf. Edelmetallfonds verzeichneten nach einer langen Phase der Stagnation Mittelzuwächse und zogen anscheinend neue, spekulativere Anlegergruppen an. Einige Analysten von Banken riefen höhere Kursziele aus.
Kurzum: Es hatte einen übertrieben steilen Anstieg geben, und die Anleger wurden zu optimistisch. Eine Korrektur ist nach einer solchen Übertreibung ganz normal und auch gesund als Basis für einen nächsten Hausseschub.
Sieben Unterschiede der aktuellen Hausse bei Silber zu 1980 und 2011
Oder droht wie nach 1980 und 2011 eine längere Baisse? Sehen wir uns nach der Analyse der früheren Höchstkurse von 1980 und 2011 zur Beantwortung der Frage die Unterschiede zu damals an. Insgesamt sieben Unterschiede stechen hervor:
- Seit 1980 hat sich der Geldwert deutlich verringert. Die damaligen 50 US-Dollar des Silberhochs entsprechen in etwa heutigen 200 US-Dollar.
- 1980 betrug der Höchstkurs bei Gold 850 US-Dollar je Feinunze, im Oktober durchschlug Gold die Marke von 4.000 US-Dollar je Feinunze. Während Gold also mehr als vierfach höher steht, steht der Silberkurs noch beim Hoch von 1980.
- Bevor es zur Silberhausse 2011 kam, lag das etablierte Ausgangsniveau bei 5 US-Dollar je Feinunze. Vor der aktuellen Hausse betrug es etwa 20 US-Dollar je Feinunze. Auch hier kommen wir auf den Faktor vier.
- Zwar war der Anstieg des Silberpreises im Jahr 2025 sensationell. Aber er war dennoch weniger steil als der von 2011, und weit weniger rasant als der von 1980. Technisch ist der Markt weniger überhitzt.
- Die langfristige Stimmungsindikation ist sogar noch weit von Überhitzung entfernt. Ganz im Gegenteil: Die Investitionsquoten der Anleger im Edelmetallmarkt sind im Vergleich zu früheren Epochen gering – da ist noch viel Potenzial nach oben. Die Gespräche der meisten Anleger und die Artikel der Medien sind noch weitgehend von Technologieaktien dominiert. Die Mittel in Edelmetall-ETFs sind langfristig gesehen gering, die Kurse der Minen und des Silbers sind relativ zu Gold langfristig zurückgeblieben. Diese Stimmungsindikationen für den Edelmetallmarkt deuten somit ebenfalls auf langfristig noch keineswegs überhitze Edelmetallmärkte hin.
- 1980 wurde ganz offen in den Markt eingegriffen, 2011 kam es zu verdeckten Kursmanipulationen. Manipulationen können zwar auch beim Hoch 2025 nicht ausgeschlossen werden, ich sehe sie aber nicht, zumindest konnte ich mit meinen Methoden bisher keine nachweisen. Der private Sektor ist durch die Strafen abgeschreckt, die Zentralbanken sind bei Gold mittlerweile eher auf der Käuferseite.
- Die Defizite in den Staatshaushalten sind heute höher als bei den vorherigen Hochs, die weltweiten Schulden stehen zum BIP weitaus höher als damals. Dies birgt erhebliche Gefahren für das globale Finanzsystem und erzeugt generell ein günstiges Umfeld für die liquiden Wertaufbewahrungsmittel Gold und Silber.
Die Furcht vor einem stärkeren Rückgang bei Silber ist verständlich. Die Umstände heute sind aber völlig andere als 1980 und 2011. Eine größere Baisse ist nicht zu erwarten. Silber könnte in den kommenden Jahren noch viel höhere Preise sehen.
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Elementum ist ein inhabergeführtes Familienunternehmen in zweiter Generation. Vertrauen, Beständigkeit und langfristiges Denken stehen im Mittelpunkt unserer Philosophie. Der Verwaltungsrat der Elementum International AG setzt sich aus international renommierten Experten der Geld- und Edelmetallmärkte zusammen – darunter Volkswirte, Analysten, Hochschulprofessoren und Edelmetallspezialisten. Diese fundierte Expertise bildet das Rückgrat unseres Handelns – für Ihre Sicherheit, Ihr Vermögen und Ihre Zukunft.
Über den Autor
Dimitri Speck
Verwaltungsratsmitglied der Elementum International AG
Dimitri Speck hat sich auf die Analyse des Finanzsystems und der Finanzmärkte spezialisiert. Er ist Verfasser eines Börsenbriefes und Autor der Bücher „Geheime Goldpolitik“ und „Die größte Finanz-Blase aller Zeiten“. Seine Arbeiten zu Rohstoffen, Edelmetallen und zur Saisonalität wurden 2013 mit dem Preis der Deutschen Edelmetall-Gesellschaft und 2018 mit dem Scope Award ausgezeichnet. Herr Speck ist Herausgeber der Webseite: www.seasonax.com über saisonale Studien.
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Stephan Bogner (Dipl. Kfm., FH)
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